01.03.08, 11:52:24
Juergen Kraft
Zum Wert reparierter Briefmarken
In vielen Beschreibungen von Laien oder von „schlauen“ Händler findet sich die Formulierung von der „altersgemäßen“ Erhaltung für beschädigte Briefmarken. Bei sachgemäßer Behandlung sind die nun bis zu 160 Jahre alten Stücke immer noch so, wie eben hergestellt. Auch 500 oder 600 Jahre altes Papier muss sich nicht verändert haben.
Besonders lächerlich ist es, fehlende Zähne, Risse oder Löcher so zu beschreiben. Die entstanden nämlich nicht durch das „Altern“, sondern durch Gewalteinwirkung.
Soweit ein Vorwort zur „altersgemäßen“ Erhaltung. Betrachten wir die häufig gestellte Frage, warum die Preise in den Katalogen so falsch sind. Gerade Marken vor 1900 werden oft zu einstelligen Prozentsätzen des Katalogwertes gehandelt. Das hat natürlich verschiedene Ursachen. Kurz erwähnen will ich eine traurige, aber aktuelle Ursache. Bei Onlineverkaufsplattformen handeln völlig Unkundige als Verkäufer und Käufer. Keiner der Beteiligten weiß was er anbietet oder kauft. Der Preis entsteht daher eher zufällig. Dabei werden zum Beispiel erzielte Preise für ähnlich aussehende Marken als Maßstab genommen oder auch gerne der Preis für eine lächerliche Fälschung, die vielleicht 5% - 10% vom Katalogwert gebracht hat, weil sie von „vorsichtigen“ Schnäppchenjägern für echt gehalten wurde.
Wie grotesk diese „Marktpreisfindung“ ist, kann jeden Tag verfolgt werden. Fälschungen teurerer Briefmarken werden teurer verkauft, als Fälschungen von billigeren Stücken, obwohl sie gleich wertlos sind, bzw. in der Herstellung den gleichen Kostenaufwand verursachten.
Es gibt also viele scheinbare Marktpreise, die nur durch Unkenntnis der Beteiligten entstehen.
Nun zu einem objektiven Punkt. Der betrifft die Qualität der Briefmarken. Kommen wir zu der Anfangs in der Raum gestellten Frage, sind die Katalogwerte alle falsch?
Wer das Vorwort in den Katalogen liest und auch zur Kenntnis nimmt, wird überwiegend feststellen können: NEIN!
Das klingt unglaublich, ist es aber nicht. Das Problem, sicher oft über 90% der klassischen Marken sind nicht in der Qualität, die dem Katalogwert zugrunde liegt. Sie sind schlechter erhalten, viel schlechter! Mängel mindern den Wert oft über 90%. Umgekehrt kann man auch argumentieren. Die vergleichsweise seltenen, einwandfreien Marken, sind zurecht höher notiert.
Betrachten wir einfach das Extrem am anderen Ende der Skala. Sehen wir die Ergebnislisten von anspruchsvollen Auktionshäusern an (damit ist nicht Ebay gemeint, Ebay ist kein Auktionshaus, sondern eine Art Onlineflohmarkt).
Attraktive Einzelmarken kosten überwiegend mehr als 100% vom Katalogwert. Besonders bei Einzelstücken unter 100,- Katalogwert werden 100% leicht erreicht, bei besonders schönen Stücken bei denen die Marke 5,- und der Stempel 5,- kosten, können auch schnell 1000% erreicht werden. Bei modernen Marken, die eher eine homogene Qualität haben, sind die Maßstäbe etwas anders zu setzen und die Katalogwerte sind wirklich nicht immer korrekt.
Zurück zu den klassischen Marken. Von Gebiet zu Gebiet gibt es natürlich Unterschiede, nehmen wir Bremen, da sind einwandfreie Marken sehr selten und Marken mit Mängeln immer noch häufig. Das trifft auch auf Bergedorf oder Helgoland zu und so erzielen diese Marken mit Mängeln prozentual höhere Preise als Baden, Bayern, Thurn & Taxis, NDP oder Württemberg.
Betrachten wir einfach einmal die eng gezähnten Ausgaben von Baden. Eine Marke mit 20,- Katalogwert, tadelloser Zentrierung und einem sauberen Stempel erzielt mühelos den Katalogwert. Das ist auch kein Wunder. Man muss schon 100 Stücke vor sich haben, um nur eine perfekt zentrierte Marke zu finden. Genau so viele braucht man sicher, um ein Stück ohne Zahnfehler zu finden. Eine perfekt zentrierte Marke mit tadelloser Zähnung und dazu noch sauberem Stempel muss man lange suchen. Qualität ist Trumpf und sie wird auch bezahlt.
Kommen wir
zurück zum Wert reparierter Briefmarken. Da ein Mangel fast den ganzen Katalogwert zunichte machen kann, wird repariert. Bei billigen Marken durch brutale Nachzähnung oder bei ungebrauchten Marken mit mattem, grauem oder auch einmal klebrigem, aber immer falschem Gummi. Bei besseren Stücken wird auch Papiermasse angesetzt, um Ränder oder Zähnung neu aufzubauen und Papiermasse aufgespachtelt oder hinterlegt, um dünne Stellen verschwinden zu lassen. Knicke werden ausgebügelt und alle sichtbaren Mängel beseitigt.
Ist nun die reparierte Marke so wertvoll wie sie scheint? Nein, natürlich nicht. Sie ist soviel wert, wie die unreparierte Marke, plus ein Betrag für die Reparatur. Hat eine seltene Marke einen Riss, ist es natürlich sinnvoll diesen zu schließen. Wenn das fachgerecht gemacht wird und die Marke oberflächlich einwandfrei wirkt, ist das ja kein Nachteil. Ein Riss verlängert sich leicht und wer will schon zwei Halbierungen?
Für die Optik werden gerne Zähne angesetzt, bei geschnittenen Marken nicht vorhandene, breite Ränder. Bei Marken die bedarfsmäßig zerrissen wurden, siehe Sachsen Nr. 1 auf Streifband, als Verschluss geklebt, ist die vollständige Hinterlegung normal. Eine so reparierte Marke, die Ränder werden bei der Hinterlegung automatisch mit „gemacht“, liegt der Wert eines Sachsen „Dreiers“, zwischen 700,- und 1500,-, während die einwandfreie Marke 3500,- bis 7000,- kosten kann.
Stellen wir uns einen mittleren Wert mit 300,- Katalogwert vor und fehlender Ecke. Die Marke würde vielleicht 15,- Euro bringen, die Ecke anzukleben vielleicht 5,- Euro kosten, die Marke in einwandfreier Erhaltung 100,- Euro bringen. An dem Beispiel kann man leicht selbst nachrechnen, dass der Wert einer reparierten Marke nicht dem Aussehen entspricht, sondern dem tatsächlichen Zustand, nämlich mit fehlender Ecke, plus 5,- Euro fürs ankleben einer neuen Ecke.
Briefmarken, denen schon der Laie die Reparatur ansieht, werten wie unrepariert. Von Reparateuren, die aktuell auch im Internet zu finden sind, habe ich sehr niedrige Preise gesehen, jedoch auch nur sehr einfach gemachte Reparaturen. Beliebiges, unpassendes Papier wird in Löcher geklebt und mit Buntstiften das Markenbild ergänzt. Das erinnert eher an Bastelarbeiten im Kindergarten. Eine gute Reparatur kostet viel und lohnt nur bei wirklich seltenen Stücken. Dabei sollte nicht eine „Werterhöhung“, die nicht stattfindet, im Vordergrund stehen, sondern die Erhaltung eines seltenen Beleges.
Erkennen von Reparaturen
Die meisten Reparaturen sind eher schlecht ausgeführt und sind mit bloßem Auge erkennbar. Damit auch bessere Reparaturen erkannt werden, sollte man eine kleine „Checkliste“ abarbeiten.
Test 1 – Farbunterschiede im Papier
Im Idealfall hat man Vergleichsmaterial. Ein einwandfreies Vergleichsstück wird dann im Tageslicht und im UV-Licht mit der zu prüfenden Marke verglichen. Besonders die Papierfarbe der Rückseite unter UV-Licht ist interessant. Meist weicht die Papierfarbe reparierter Stellen ab. Sie ist heller oder dunkler, matter oder glänzender. Verdächtige Stellen betrachtet man auch, indem man die Marke fast waagrecht vor sich hält und die Oberfläche reflektiert.
Auch ohne Vergleichsmaterial kann man einiges sehen. In der Regel ist die Papierfarbe von Vorder- und Rückseite gleich. Die Ausnahme ist gestrichenes Papier, dass eine behandelte Vorderseite hat.
Test 2 – die Faserstruktur
Unter dem Mikroskop oder einer Stereolupe oder mit Hilfe eines Scanners ab 2400 DPI optisch, lassen sich einzelne Fasern der Papiermasse erkennen. An freien Stellen der Vorderseite lässt sich gut erkennen, wie die Papierstruktur aussehen muss. An reparierten Stellen ergeben sich zumindest an den Übergängen zur originalen Papiermasse, sichtbare Ansatzstellen. Besonders wenn bildseitig das Bild oder der Stempel ergänzt wurden, sieht man den Ansatz der falschen Zeichnung. Auch bei sehr vielen Marken mit angesetzten Rändern, die voll hinterlegt sind, kann man den Übergang wie eine Treppenstufe, auf der Bildseite sehen.
Test 3 – Benzinbad
Ein Test der auch sonst unsichtbare Veränderungen in der Papierstruktur sichtbar macht, ist der Benzintest. Dafür ist ein billiger, altmodischer „Wasserzeichensucher“, eine kleine Schale aus schwarzem Kunststoff oder Glas und chemisch reines Waschbenzin aus der Apotheke notwendig. Am einfachsten ist das Benzin mit einer Pipette aus einem entsprechenden Fläschchen zu entnehmen. Die Marke wird mit der Bildseite nach unten in die Schale gelegt und mit einigen Tropfen Benzin beträufelt. Der entscheidende Moment kommt beim Verdunsten des Benzins. Unterbrechungen der Struktur, auch ausgebügelte Büge oder unsichtbare Bugspuren, sind für einen Moment, als hellere oder dunklere Striche oder Flecken sichtbar. In homogener Papiermasse verdunstet auch das Benzin gleichmäßig. Bei Unterbrechungen staut sich die Flüssigkeit oder wurde schlechter angenommen.
Man braucht etwas Übung und Geduld. Gut zum Üben geeignet sind Marken bei denen die Mängel bekannt sind. Einige Prüfer markieren Papierfehler mit Bleistift auf der Rückseite oder Sie haben den Fehler schon unter der UV-Lampe deutlich sehen können.
Prüfer signieren auch Marken die Fehler haben, die nur im Benzintest sichtbar werden, leicht erhöht. Oft fragen sich auch Fortgeschrittene, ob der Prüfstempel versehentlich höher angebracht wurde, wenn die ersten zwei beschriebenen Tests kein Ergebnis bringen.
Wenn Strukturen sichtbar werden, so stammen Linien in der Regel von Bügen (die leichte Form eines Knicks) und Kurven von ergänzter Papiermasse. Flecke auf der Rückseite von Hinterlegungen.
Eine komplette Hinterlegung, eine häufige Form der Reparatur, ist im Benzintest meist nicht zu erkennen. Hier hilft meist einwandfreies Vergleichsmaterial oder der Vergleich der Fasern auf der Vorderseite mit denen der Rückseite.