09.09.08, 17:41:24
carolinus
Die 1861 herausgegebenen Marken Bergedorfs mit dem halben Lübecker und dem halben Hamburger Wappen wurden im Steindruckverfahren mit Hilfe von drei kleinen Steinen auf unterschiedlichem, farbigem Papier vom Hamburger Lithographen Charles Fuchs hergestellt. Von den drei Drucksteinen hat Fuchs aber nur den Originalstein an Paalzow ausgeliefert, der ihn dem Bergedorfer Amtsverwalter Dr. Kauffmann zur Verwahrung übergab.
Der Steindruck ist ein Flachdruckverfahren, bei dem die druckenden wie auch die nicht zu druckenden Bildteile in einer Ebene stehen. Die zu druckende Zeichnung wird mit einer fetthaltigen Substanz auf einen geschliffenen Kalkstein aufgebracht. Nach Stabilisierung, Ätzung, Überzug mit Gummi Arabicum, der an den unbezeichneten Stellen zurückbleibt, und der Trocknung, wird die ursprünglich aufgetragene Farbe heruntergewaschen. Auf dem Stein bleibt die Zeichnung nur noch als Fettgrund zurück. Auf diesen wird die ebenfalls fetthaltige Druckerfarbe aufgetragen. Die Farbe wird von der Zeichnung gebunden, während der restliche Stein das Wasser durch die in ihm abgelagerten Gummireste hält und daher keine Farbe annimmt.
Die drei Drucksteine
Zur Herstellung der Markenbögen waren drei Steine erforderlich. Auf dem
Originalstein waren alle fünf Werte einzeln abgebildet (Jahre später kam noch ein veränderter 4-Schilling-Wert hinzu).
Schaut man sich die Zeichnungen im Originalstein an, ist man zunächst völlig überrascht.
Das sind doch gar nicht die Originale! In der Tat sind sie es nicht. Erst auf dem Umdruckstein wurden die Zeichnungen der Marken korrigiert, so dass sie dort schließlich das Aussehen bekamen, das wir heute von den Originalen kennen. Genauer: Es gab sogar zwei Umdrucksteine, die Korrekturen erfolgten auf letzterem. Auf den genauen Ablauf werde ich in einem späteren Beitrag noch eingehen.
Die Merkmale des Originalsteins zeigen allerdings viele Neudrucke. Der Hersteller der Neudrucke, Jean Baptiste Moens, erwarb nämlich nach der Gültigkeit der Bergedorfer Marken den Originalstein, der Umdruckstein war längst abgeschliffen.
Im Einzelnen fallen auf dem Originalstein sofort auf:
Nr. 2 - 1 Schilling
unförmige, fette Werteziffern mit weit nach links herausragenden Fußstrichen
Nr. 3 - 1 1/2 Schilling
Inschrift "SCHILLINGE" mit "E"
Nr. 5 - 4 Schilling
Strich im linken Teil des Wappenhintergrundes
Bildfläche des Originalsteins -
Kroetzsch, Handbuch der Postfreimarkenkunde Altdeutsche Staaten, 1895
Der zweite Stein war der
Umdruckstein. Mit Hilfe von Umdruckfarbe wurden die Werte vom Originalstein abgezogen und zu Achter-, Zehner- und Zwölferblöcken zusammengenadelt. Auf einem zweiten Umdruckstein erfuhren die Marken die oben genannten Korrekturen in den Zeichnungen. Dieser ist hier abgebildet.
Umdruckstein - mit den erfolgten Korrekturen -
Kroetzsch, s.o.
Der dritte Stein - besser - die dritten Steine waren dann die eigentlichen
Drucksteine, von denen die Originalbogen gedruckt wurden.
Aufbau der Bogen der 1a und 1b
Die 1861 erschienene 1a wurde in zwei Halbbogen zu je 100 Marken gedruckt. Der gesamte Bogen besteht aus 16 Umdruckblocks (in der Zeichnung
kursiv eingetragen) zu je 12 Marken und 8 Einzelmarken. Den ersten Umdruckblock habe ich blau hinterlegt, die 12 Einzelmarken sind darin in Normalschrift angegeben.
Bei der dunkelblauen 1b sind die 8 Marken der letzten Reihe anders als bei der gezeigten 1a:
linker Halbbogen: 7, 8, 5, 6, rechter Halbbogen 3, 4, 1, 2.
Die Aufnadelung der einzelnen Umdruckblocks erfolgte bei der 1a sehr ungenau. Senkrechte gerade Linien lassen sich nicht ziehen, ohne einzelne Marken zu schneiden. Auch waagerechte gerade Linien lassen sich nur unterhalb der 4. bis unterhalb der 9. waagerechten Reihe ziehen. Zwischen den einzelnen Umdruckblocks existieren teilweise große weite Abstände.
Bei der 1b wurden die einzelnen Marken wesentlich genauer aufgenadelt. Die Blockabstände sind relativ gleichmäßig. Die Marken stehen in geraden Reihen unter- und nebeneinander.
Hier der in der Bogenskizze blau gekennzeichnete erste Umdruckblock - links 1a, rechts 1b
Echtheitsmerkmale, Unterscheidung der beiden Marken, Neudrucke
Feldmerkmale im Umdruckblock
In jedem Umdruckblock lassen sich bei den zwölf Marken charakteristische Feldmerkmale unterscheiden. - oben rot gekennzeichnet
Alle 1. Marken
Links am "L" in "HALBER" ein farbiger Punkt, im Kopf des "T" von "POSTMARKE" ein kleiner, waagerechter Strich, - bei der 1b ist dieser Strich meist nicht erkennbar
1a
Alle 2. Marken
"G" von "SCHILLING" unten verunstaltet
1a
Alle 3. Marken
Unten am "C" von "SCHILLING" ein farbiger Fleck,
schwarze Schmierung rechts neben der "1" von "1/2" im Wertzifferkästchen rechts oben,
schwarzer Strich über dem "B" von "BERGEDORF"
1a
Alle 5. Marken
Unten am Fuß des "B" von "BERGEDORF" nach links ein schwarzer Strich, - bei der 1b oft nicht erkennbar,
ein schwarzer Punkt im rechten Strich des "H" in "SCHILLING" links fast am Fuß
1a
Alle 7. Marken
Rechts oben im Kopf des "I" in "EIN" ein schwarzer Punkt
1a
Alle 9. Marken
Ein farbiger Strich links am "I" in "EIN" etwas über der Mitte, rechts im "O" von "POSTMARKE" ein schwarzer Punkt,
unterhalb der "2" der linken unteren Eckwertziffer eine Lädierung der Einfassungslinie
1a
Alle 10. Marken
Ein schwarzer Fleck, der "IL" in "SCHILLING" und die zwei darüber befindlichen Glieder des Kettenkreises verunstaltet
1a
Eine Ausnahme bildet bei der 1a der 16. Umdruckblock:
die Buchstaben "IL" wurden auf dem Druckstein nachgebessert, sind aber immer noch etwas zu kurz, im Kopf des "L" befindet sich nur ein schwarzer Punkt, die Verschmierung der Kettenglieder besteht aber wie bei allen 10. Marken. Bei der 1b sind die Verschmierungen auch im 16. Block vorhanden.
Alle 12. Marken
Markanter Druckausfall im rechten unteren Teil des Wappenturms, besonders auffällig bei der 1b
1a

1b
28.09.08, 14:56:28
carolinus
Gerade entdeckt:
Die 12. Marken jedes Umdruckblocks zeigen einen markanten Druckausfall im rechten unteren Teil des Wappenturms. Besonders auffällig ist dieses Merkmal bei der 1b. Bei einer 1a ist es allerdings auch vorhanden. Werde es demnächst oben im Beitrag noch ergänzen.
Hier zunächst 1b mit entsprechend gekennzeichneter Stelle.
04.10.08, 19:22:03
carolinus
Zur Entstehung der Bergedorf 1b
Die Entstehungsgeschichte dieser Marke scheint bis heute nicht vollständig geklärt. Karl Knauer (Bergedorfer Postgeschichte) versucht zu beweisen, dass sie nicht erst, wie es in Katalogen steht, 1867 erschien, sondern von Anfang an dagewesen sein muss.
Im Jahr 1894 hat der belgische Sammler und Händler Jean Baptiste Moens in "Le Timbre Poste" das Zustandekommen zu erklären versucht. Er schreibt darüber:
"Die Zeit des Druckes dieser letzteren (dunkelblauen) Marke ist uns unbekannt; doch glauben wir ... daß sie aus derselben Zeit herrührt, wie die blaßblaue, und zwar aus folgenden Gründen: Wäre die 1/2 Schilling dunkelblau dazu bestimmt gewesen, der blaßblauen n a c h z u f o l g e n , so hätte das sicher seinen Grund darin gehabt, daß diese letztere naherzu ausgegangen war oder daß ihr Ausgehen in nächster Aussicht stand. ...Ein Beweis, daß der Druck 1861 erfolgt sein muß, ergiebt sich daraus, daß die Platte aus den 12 Marken der Umdruck-Matrize gebildet ist. Diese war wahrscheinlich nicht vernichtet, da sie sich mit den Umdrucken der übrigen Werte auf einem und demselben Steine befand, der noch zum Druck der 1, 1 1/2 und 4 Schillinge verwendet wurde, wie ein Gesammt-Abzug des Steines beweist. Wir nehmen an, daß eine zweite Platte durch die Unachtsamkeit des Litographen nötig wurde, der seinen Stein abschleifen ließ, ehe er sich vergewissert hatte, ob die angefertigte Auflage dem empfangenen Auftrage der Zahl nach entsprach. Um sein Versehen gut zu machen, hat er das verbrauchte blaßblaue Papier durch ein möglichst ähnliches ersetzt; ..."
Die wichtigste Feststellung hieraus bedeutet, dass die 12-er Umdruckblöcke sowohl der 1a als auch der 1b von demselben Umdruckstein abgenommen worden sein müssen.
Knauer bestätigt diesen Sachverhalt an Hand eines Vergleichs der beiden Bögen:
"Die Umdruckblöcke sind bei den letzteren nur genauer zusammengenadelt und der Druck ist bei diesen etwas weniger scharf und deutlich. Auf Grund des vorstehenden Paalzow-Schreibens vom 1.11.1861 *) kann nicht geleugnet werden, daß nur der Originaldruckstein zu diesem Zeitpunkt vorhanden war, der Umdruckstein hingegen und auch die Drucksteine für die Bögen ... bereits abgeschliffen waren ... Es steht also einwandfrei fest, daß beide Farben - hell- und dunkelblau - bereits am 1.11.1861 vorhanden gewesen sein m ü s s e n ."
Quelle: Karl Knauer, Bergedorfer Postgeschichte, 1968
*) Mit diesem Schreiben übergab Paalzow den Originalstein an den Amtsvorsteher Kaufmann und stellte fest, dass die zum Markendruck verwendeten Steine nach einer schriftlichen Erklärung von Fuchs abgeschliffen worden waren.
Vergleicht man die Umdruckblöcke einer 1a und einer 1b, so stellt man fest, dass sie in der Tat dieselben Feldmerkmale aufweisen. Sie müssen von ein und demselben Umdruckstein stammen.