Deutsche Post in der Türkei - Vorläufer - Einschreiben
11.08.07, 09:43:44
eagle
Hallo, diese Briefvorderseite ist aktuell bei ebay.com eingestellt
http://cgi.ebay.de/ws/eBayISAPI.dll?ViewItem&rd=1&item=120148654008&ssPageName=STRK:MEWA:IT&ih=002. Es handelt sich hier um ein Einschreiben (Deutsche Post in der Türkei - Vorläufer) von Constantinopel nach Lyon.
Leider fehlt mir speziell zu dem Thema Deutsche Kolonien-Post in der Türkei-Vorläufer noch das nötige Hintergrundwissen und stelle meine Frage hier ein.
Ist die Zusammensetzung des Portos von 8 1/2 Groschen korrekt und gab es zu dieser Zeit schon diese, wie auf dem Brief angebrachten, R-Zettel?
:rolleyes:
Grüße eagle
Dateianhang (verkleinert):
Constantinopel BVS.jpg (135.02 KByte | 3 mal heruntergeladen | 405.07 KByte Traffic)
11.08.07, 22:06:20
Juergen Kraft
Hallo eagle,
leider sind die Angaben im Michel Postgebühren-Handbuch unvollständig und soweit vorhanden, teilweise unrichtig. Im Michel steht ab 1. 7. 1872 Briefe bis 15 Gr. 2 Gr. Einschreiben ist erst ab 1875 notiert.
Richtig ist, die Gebühr für einen einfachen Brief, bis 15 Gr., nach Deutschland betrug bis zum 31. 5. 1872 3 Groschen und wurde ab dem 1. Juli 1872 auf 2 1/2 Groschen ermäßigt. "Via Odessa" blieb es jedoch bei 3 Groschen.
Für Briefe nach Frankreich betrug das Porto für den Brief "via Odessa"
bis 10 Gr. 5 Gr., bis 15 Gr. 8 Gr.
Was noch zu beachten ist, dein Brief ist aus 1873. Der "allgemeine Postvereinsvertrag" der im Oktober 1874 in Bern abgeschlossen wurde, galt noch nicht.
Die Gebühr für "RECOMANDIRT" war für einen Brief bis 10 Gr. nach Deutschland 2 Groschen.
Brief bis 10 Gr. via Odessa nach Frankreich + Einschreiben also 7 Groschen. Der Brief oben ist mit 8 1/2 Groschen frankiert.
In blau steht oben links 12 gr. Das könnte 12 Gramm bedeuten. 12 Groschen sicher nicht, dann würde doch einiges Porto fehlen. Bei 12 Gr. wären eigentlich 10 Gr. fällig gewesen.
Ich kann es jedenfalls nicht zu Ende erklären, warum hier 8 1/2 Gr. Frankiert sind.
Ergänzung: siehe meinen Beitrag fünf Beiträge weiter unten
Dein Brief ist aus dem Dezember 1873
Im Amtsblatt der Deutschen Reichs-Postverwaltung Nr. 120 "Postverbindung mit Constantinopel" vom 31. Okt. 1871 steht, dass ab 5. November 1871 Briefe über Odessa von und nach Constantinopel nur dann befördert werden, wenn der Absender solches durch Vermerk auf der Adresse verlangt.
In der Leitung (JK: dem Versandweg) der Briefpostgegenstände, welche auf diesem Wege zur Versendung gelangen sollen, tritt eine Änderung nicht ein. Die Postanstalten haben sich hiernach zu achten.
Das ist bei deinem Brief der Fall.
Noch ein Beispiel, im Rundbrief der Arge Brustschilde Nr. 106 ist auf Seite 54 ein gewöhnlicher Brief über 10 Gr. aus Constantinopel nach Frankreich, auch "Via Odessa" mit 8 Gr. korrekt frankiert.
Ein R-Zettel aus der Zeit habe ich noch nicht gesehen. Es wurde ein R1 mit Zacken und der Inschrift "RECOMANDIERT" verwendet.
Im Briefregister der Arge Brustschild ist ein Brief von Constantinopel (2.6.1973) nach Lyon registriert. Er ist mit 5 Gr. frankiert und "Via Varna". Absender: S. MANASSE & FILS.
Ergänzung: siehe meinen Beitrag fünf Beiträge weiter
12.08.07, 01:36:34
Kyantarodor
Im "Handbuch und Katalog der deutschen Kolonial-Vorläufer" von Dr. Friedrich F. Steuer sind mehrere dieser R-Zettel auf Brief oder Briefstück abgebildet, die älteste Abbildung ist ein Einschreibbrief vom 3.4.1883 nach Solingen.
Andere Abbildungen von R-Zetteln sind:
19.2.1873: Roter, gezackter Kastenstempel "Recomandirt"
24.2.1875: Geschnittener R-Zettel in rotem Kasten "Eingeschrieben."
12.12.1877: Geschnittener R-Zettel in rotem Kasten "Constantionpel. Eingeschrieben. No ..."
Aus Text oder Abbildungsbeschreibungen ist leider nicht ersichtlich, über welchen Zeitraum die einzelnen R-Zettel verwendet wurden.
Hinsichtlich der Einschreibgebühr schreibt Steuer, dass von Eröffnung bis 1.1.1875 ein genereller Zuschlag von 2 Gr. erhoben wurde.
12.08.07, 10:43:55
eagle
Hallo zusammen,
danke für die ausgiebigen Antworten. Die Briefvorderseite ist gerade für ca 186 Euro verkauft worden. Scheint mir unter diesen Umständen etwas viel.
eagle
12.08.07, 12:09:52
Juergen Kraft
Hallo,
die Vorderseite stammt aus einer bekannten Firmen Korrespondenz. Viele erhaltene Briefe aus Constantinopel "Via Odesssa" tragen diesen Absender.
Bis auf den Einschreibezettel ist alles echt. Der Zettel ist sicher auch echt, gehört aber nicht auf die Vorderseite. Der Brief wog vermutlich 12 Gramm und war 1/2 Gr. überfrankiert.
Wurde hier für kurze Zeit mit einer speziellen Portostufe für den Bedarf des Absenders experimentiert? Oder waren keine passenden Briefmarken zur Hand? Ein interessanter Beleg allemal.
12.08.07, 16:27:42
Pitti
Stimmt, ein sehr schöner Beleg und der war dann auch für rund 250,00 Dollar weg, wie es scheint.
Für Sammler der DP in der Türkei ein kleines Schnäppchen, wie man so sagt.
Grüße
Pitti
12.08.07, 17:17:00
Juergen Kraft
Hallo Pitti,
wäre der Brief vollständig und nicht nur eine Vorderseite, hätte man sehen können, ob die 8 1/2 Groschen das vollständige Porto waren. Im Vergleich am Original, könnte ein Besitzer weiterer Originalumschläge aus der Korrespondenz feststellen, wie viel Papier fehlt, ob noch eine Marke Platz gehabt hätte oder gar unten noch ein RECOMANDIRT Stempel gewesen sein könnte.
In der Zwischenzeit habe ich doch noch die Portostufe gefunden.
Im Briefregister Frankreich III für Briefe aus Constantinopel, lfd. Nr. 14, ist ein Brief, wohl aus der Korrespondenz mit 8 1/2 Gr. Frankatur, am 1. 12. 73 nach Lyon (Via Odessa) verzeichnet. Auch die verwendeten Briefmarken waren die gleichen.
Der Einschreibezettel könnte eine der frühesten Verwendungen aus Constantinopel sein.
Die Frankatur könnte dann sein 5 Gr. Brief (Via Odessa), 2 Gr. RECO Anteil bis Frankreich, 1 1/2 Gr. Anteil in Frankreich.
Im Michel ist die Tabelle völlig unbrauchbar, im Steuer-Handbuch legt es erst ab 1875 richtig los.
12.08.07, 18:30:59
Pitti
Danke, Juergen,
die Magie der Portorechnerei wird mir auf und in einigen Gebieten immer ein ewiges Rätsel bleiben.
Ich habe überlegt ob ich mit steigere, ich hatte auch mehr "Einsatz" geplant, aber irgend etwas hielt mich zurück und ich kann nicht einmal genau sagen - was.
Egal, verwende ich dann die Euronen für meine Gebiete, da weiß ich was läuft und was ich Beachten muss.
Grüße
Pitti
12.08.07, 18:47:56
eagle
hallo,
... mir ging es ähnlich. Ich konnte mich mit dem R-Zettel nicht so recht anfreunden. So einen habe ich auf solchen Briefen aus der Zeit noch nicht gesehen. Man lernt aber immer dazu...
eagle
13.08.07, 12:14:10
Juergen Kraft
Hallo,
zu dem Brief konnte ich einen tadellosen Scan bekommen. Den Stempel selbst, habe ich in die
Stempeldatenbank eingefügt.
Bei dem Stempel handelt es sich um die Type 6I, mit Balken statt Trennstrich im Datum, die vom 1. 12. 1873 bis März 1874 vorkommt. Aufschlag für den Stempel, ca. 30,- Euro.
Ergänzung: Manchmal brauche ich etwas länger, aber das ist wohl der Brief, der im Rundbrief 105 aus dem Dezember 1988 der Arbeitsgemeinschaft Brustschilde, im Briefregister Frankreich III als Nr. 14 aufgeführt ist. Text dort: (Frankatur) 19, 21a, 22, (Datum) 1. 12. 73, 8 1/2 Gr. Lyon, via Odessa EINSCHREIBEN (Reco)