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Hallo liebe Teilnehmer,

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29.11.11, 12:32:01

Hornblower

(Mitglied)

Hallo ins Forum,

für einen möglichen Artikel suche ich Material über Paul Kirchner. Ihm hat der Lübecker Senat 1872 erlaubt, die ersten Neudrucke der Hansestadt anzufertigen. Was ich bisher weiß:

Paul Kirchner stammte aus Leipzig und nahm am Deutsch-Französischen Krieg als Einjährig-Freiwilliger teil. Das heißt, er wird dort wohl um 1850 geboren worden sein. Im Krieg wurde er verwundet und als Invalide in ein Lübecker Hospital gebracht. Für die Herstellung der Neudrucke musste er 30 Mark Courant bezahlen (ganz so selbstlos war der Senat damals also nicht). Nach Doberer saß er "an die vierzig Jahre" auf seinem Bestand, was sich mit der Aussage Ohrts deckt, der im Herbst 1908 noch ihm korrespondiert hatte. Sein Todeszeitpunkt liegt also danach.

Meine Fragen nun: weiß jemand mehr über Kirchner (Geburts- oder Sterbedaten, evtl. sogar ein Foto)? Die einschlägigen Senatsakten sollen nach Herzog im 2. WK vernichtet worden sein. Kennt jemand Artikel zu diesem Thema in Festschriften o.ä.? Der sonst sozuverlässige Bungerz erwähnt den Namen nämlich leider auch nicht.

Der Grund meiner Frage sollte der guten Ordnung halber erwähnt werden. Als ich die Geschichte vor Jahren das erste Mal hörte, habe ich sie - wie wohl die meisten - einfach zur Kenntnis genommen. Mittlerweile erscheint sie mir aber recht merkwürdig. Warum unterstützt der Senat von Lübeck einen Sachsen - und nur einen Sachsen? Der Deutsch-Französische Krieg hatte Tausende von Toten und Verwundeten auf beiden Seiten zur Folge, da wird es doch wohl auch einen Lübecker erwischt haben, der eine Unterstützung mindestens ebenso nötig gehabt hätte? Dann war Kirchner nach übereinstimmenden Quellen ein Einjährig-Freiwilliger. Diese mussten einen entsprechenden Bildungsabschluss nachweisen und auch ihre Ausrüstung und Unterkunft selbst bezahlen - ein kostspieliges Vergnügen, dass eigentlich nur für Söhne aus begütertem Haus in Frage kam (außer den sog. "Königsfreiwilligen" aber die gab es m. W. nach nur in Preußen). Er zahlte die Herstellung der Neudrucke auch selber, muss also Geld gehabt haben. 30 Mark waren zwar kein allzugroßes Vermögen, ein Taschengeld, das ein normaler Soldat einfach mal so ausgibt, aber auch nicht. Warum unterstützte man also jemand, der es eigentlich nicht nötig gehabt hätte?
Warum auch ausgerechnet mit der Herstellung von Neudrucken anstatt einer einfachen Geldspende oder einer Anstellung? Gerade einmal drei Jahre zuvor, am 11. Januar 1869, hatte Lübeck seine umfangreichen Restbestände an den Pariser Händler Charles Pelletreau für nur 600 Taler "verramscht", darunter allein über 300.000 Marken der ersten Ausgabe. Sie waren damals in Massen auf dem Markt, auch heute noch sind ungebrauchte Lübeck-Marken (sieht man von den ersten beiden einmal ab) durchaus erschwinglich. Welche Unterstützung glaubte man denn damit zu geben, dass man von tausendfach vorhandenen Marken zusätzlich 250 Neudrucke auflegte, für die sich damals ohnehin kein Mensch interessierte?
Aus den genannten Gründen erscheint mir das alles sehr unwahrscheinlich und ich würde gerne ein wenig Licht in diese Philateliegeschichte bringen. Ich freue mich über jede Hilfe. Danke
Michael Ullrich
29.11.11, 12:33:01

Juergen Kraft

(Mitglied)

Hallo Hornblower,

zu der Ausgabe kann ich im Moment auch nicht mehr beitragen, als du schon geschrieben hast. Ich kann aber noch ein paar dieser Neudrucke zeigen, die ja wirklich sehr selten sind.

Zu erwähnen ist die 1 Sch. orange aus chromgelb, die extrem Bleisulfidschaden gefährdet ist. Diese Marke sollte nur in einem Pergaminpapieralbum gelagert werden. Wie man auf den Bildern sieht, blieben die normalerweise durchstochenen Marken ohne Durchstich.
Dateianhang:

 lübeck-neudrucke-4werte-800px.jpg (99.9 KByte | 9 mal heruntergeladen | 899.14 KByte Traffic)


J. Kraft
Mitglied AIJP (Association Internationale des Journalistes Philatéliques)

Liste der Sonderzeichen zum Einkopieren

29.11.11, 14:36:49

Hornblower

(Mitglied)

Hallo Juergen,

besten Dank für die Abbildungen, die man in der Tat selten sieht. Mich interessiert eben vor allem die Story dahinter. Warum hat man das damals gemacht? Und wieso ausgerechnet bei Paul Kirchner? Andere Bedürftige hat es doch sicher genug gegeben... Und dann Neudrucke, obwohl es doch noch mehr als genug Originale gab. Ich habe mittlerweile eine Anfrage an das Stadtarchiv Lübeck gestellt, warten wir mal ab. Meine Hoffnung besteht darin, dass sich vielleicht in einer alten Broschüre oder einer Vereinszeitschrift etwas dazu findet. Diese "graue Literatur" ist oft sehr ergiebig. Vielleicht hat ja ein Lübeck-Spezialsammler einen solchen Beitrag in seiner Bibliothek? Ich bin gerne bereit, mich bei "Baden" zu revanchieren:)
Gruß
Michael
29.11.11, 14:52:07

carolinus

(Mitglied)

Hallo Hornblower,

die 11 kompletten ersten Neudrucke, die eine Auflage von lediglich 250 Stück hatten, wurden gerade vom Hanseatischen Briefmarkenauktionshaus HBA verkauft. Insbesondere die abgebildete 2 ist stark bleisulfidgeschädigt. Ein Unterschied zu den Originalen ist das fehlende Wasserzeichen.

Vor einigen Monaten wurden übrigens einige der Marken sogar bei ebay angeboten und erzielten sehr ansehnliche Gebote.

Weitere Einzelheiten zur Geschichte des verwundeten sächsischen Soldaten kann ich aber leider auch nicht beitragen.



Viele Grüße,
carolinus

Grüße aus Braunschweig, der Stadt Heinrichs des Löwen
29.11.11, 17:21:43

Hornblower

(Mitglied)

Hallo Carolinus,

vielen Dank für diese Abbildungen. Selbstverständlich bin ich auch für diese Hinweise sehr dankbar, weil sie natürlich in die Geschichte einfließen müssen. Kann ich den Scan als Abbildungsvorlage nutzen (selbstverständlich mit Quellenangabe, ich will ja schließlich keine Doktorarbeit schreiben)

Beste Grüße
Michael Ullrich
30.11.11, 08:27:33

Lubecensis

(Mitglied)

Hallo Hornblower!

Ich weiß nicht, ob das Thema jetzt nach über zwei Jahren noch interessiert, ich werde aber gleichwohl jetzt, da ich es nun gesehen und mich auch damit befasst habe, meinen "Senf" dazugeben.

Deine Fragen beruhen zum größten Teil auf der Voraussetzung, die ja auch sich in der Sekundärliteratur widerspiegelt, dass es sich um einen amtlichen Neudruck gehandelt habe und die Initiative vom Lübecker Senat ausgegangen sei. Und das ist eben nicht der Fall. Doberer hat es ja schon richtig getroffen: Die Initiative wird von Paul Kirchner ausgegangen sein. Er hat die Idee entwickelt, aber ohne amtliche Genehmigung konnte er sie nicht umsetzen. Er hat also die Genehmigung beantragt und erhalten. Warum sollte man sie ihm verwehren? Es kostete den Senat ja nichts. Insofern konnte es ihm auch egal sein, wie solvent der Antragsteller war, Hauptsache, er konnte die Druckkosten bezahlen. Die Rechnung ging ja direkt von Rahtgens an Kirchner. Dass das keine taugliche Unterstützung war, dessen wird man sich sicher im Lübecker Rathaus bewusst gewesen sein. Möglicherweise haben sie sich in den Amtsstuben über den Sachsen im Spital und seine Idee beömmelt, sich aber gesagt "Lass ihn mal machen. Ihn freut's, die Druckerei macht Umsatz, uns kostet es nichts, und was er mit den Neudrucken macht, kann uns auch egal sein." In der Tat wäre kein Lübecker auf die Idee gekommen, eine Unterstützung in der Form zu beantragen oder als hilfreich gewähren zu wollen. Man darf also vermuten, dass Paul Kirchner philatelistisch interessiert war, sich aber hinsichtlich der Lübecker Briefmarken nicht so sehr auskannte, dass ihm die Unsinnigkeit seiner Idee aufgegangen wäre. Und niemand hat ihn aufgeklärt.

Zur Person Paul Kirchners kann ich leider keine konkreten Informationen beisteuern, sondern nur Hinweise geben, wo man suchen könnte.
- Das Sächsische Staatsarchiv Leipzig hat eine große Abteilung Genealogie. Möglicherweise hat die etwas zur Familie Kirchner. Da diese ja nicht unbegütert gewesen zu sein scheint, ist vielleicht sogar mal eine Familiengeschichte oder Vergleichbares veröffentlicht worden.
- Von der preußischen Armee gibt es aus dem Krieg 1870/71 Verlustlisten. Möglicherweise gibt es auch derartiges für sächsische Truppen. Daraus müsste hervorgehen, in welcher Einheit Paul Kirchner diente und wann er wo welche Verletzung erlitt.
- 1873 führt das Lübecker Adressbuch einen Paul Kirchner, ohne Beruf, unter der Adresse Johannisstraße 17 auf. 1879 nennt ihn das Adressbuch nicht mehr. Es muss nicht derselbe sein, könnte aber sein. Insofern wäre eine Anfrage an das Stadtarchiv Lübeck angebracht, ob es eine Einwohnermeldekartei aus der Zeit noch gibt und was sie im positiven Fall über Paul Kirchner enthält.
- Da aller Wahrscheinlichkeit nach Paul Kirchner philatelistisch interessiert war, war er möglicherweise in einem entsprechenden Verein Mitglied. Anzunehmen ist auch, dass er in der Fachpresse seine Neudrucke annonciert hat. Denn es stellt sich auch die Frage: Wie ist Ohrt Jahrzehnte später auf Paul Kirchner gestoßen? Ich weiß nicht, ob es einen Nachlass von Paul Ohrt gibt, der noch Schriftwechsel mit Kirchner enthält. Wäre schön – egal ob durch Nachlass oder Mitteilungen in der Fachpresse – zu erfahren, wo Kirchner wohnte. Dann könnte man von der Seite Nachforschungen ansetzen.

Eine aus meiner Sicht interessante Frage, mit der sich, wenn ich richtig sehe, noch niemand beschäftigt hat, ist: Wer hat die Neudrucke der MiNr. 8 bis 12 und 14 angefertigt? Auch Rahtgens? Wenn ja, anhand welcher Vorlage? Die Originale waren seinerzeit ja in Berlin gedruckt worden. Sollte es eine schriftliche Überlieferung der Preußischen Staatsdruckerei geben, sind möglicherweise auch da Hinweise zu finden.

Und es fragt sich auch: Warum ist die MiNr. 13 nicht neugedruckt worden?

Noch eine Anmerkung zu Kirchners möglicher Wohnadresse Johannisstraße 17 im Jahr 1873, die ich hier gefunden habe:
http://adressbuecher.genealogy.net/entry/show/569959
Die Adresse ist so, wie sie im Internet zu finden ist, nicht eindeutig. Denn damals wurden in Lübeck die Häuser noch nicht wie heute nach Straßen (das war erst ab 1884 der Fall), sondern nach Quartieren durchgezählt. Und die Johannisstraße war Quartiersgrenze. So gab es die Johannisstraße 17 im Jacobi-Quartier auf der Nordseite und die Johannisstraße 17 im Johannis-Quartier auf der Südseite. Aber hier dürfte das Stadtarchiv Lübeck weiterhelfen können, das die Adressbuch-Originale besitzt und zudem eine Konkordanz zu den heutigen Hausnummern. Die Johannisstraße heißt übrigens heute Dr.-Julius-Leber-Straße.


Viele Grüße

Lubecensis
09.03.14, 22:28:56

stampsteddy

(Mitglied)

Hallo Lubecensis,

vor knapp 10 Jahren habe ich Herrn Flemming darauf hingewiesen, dass die angegebene Auflagenhöhe von nur 250 Stück für 1/5 und 50 Stück für 8/12 nicht stimmen können. In der damaligen Zeit hatte ich bereits 2% der MiNr. 1/5 ND in Sammlungen gefunden und attestieren lassen, dies kam mir ein bisschen Merkwürdig vor (ja gut, nebenbei bin ich verantwortlich für Memel A9 und später Kiautschou 26 B, insofern könnte man sagen, wen wundert's). Wenige Jahre später tauchten verhältnismäßig erhebliche Mengen der 1872er-Neudrucke auf und Herr Flemming sagte zu mir "Herr Pichl, Sie hatten Recht."

Dennoch bleiben diese 1872er-Neudrucke in meinen Augen Seltenheiten.

MfG
Markus Pichl
09.03.14, 22:49:44

Lubecensis

(Mitglied)

Hallo stampsteddy,

die 1872er Neudrucke sind mit Sicherheit Seltenheiten, und ich muss zugeben, dass ich über die Auflagenhöhen noch nicht konkret nachgedacht hatte. Dass der Lübecker Senat 250 Stück bewilligt hatte, heißt ja nicht, dass auch nur 250 Stück gedruckt wurden. Nach gegenwärtiger Quellenlage kann man da nur spekulieren, ob da etwas unter der Hand gelaufen ist (was angesichts der so ziemlich allen außer Kirchner bekannten Sachlage, dass für die Neudrucke damals kein Markt vorhanden war, nicht unbedingt auf Widerstand bei der Druckerei gestoßen wäre) oder Rahtgens schlicht und einfach neben den 250 bestellten einwandfreien Exemplaren auch die An- und Probedrucke, die es sicher auch gegeben hat und im Vergleich zur Gesamtauflage eine erhebliche Anzahl darstellten, an Kirchner abgab.
Es wäre auch interessant zu wissen, ab wann die Neudrucke nennenswert im Handel auftauchten und ob sich eine gemeinsame Quelle ausmachen lässt. 1908 scheinen die meisten Neudrucke ja noch in Kirchners Besitz gewesen zu sein. Wer weiß, wie lange noch bei ihm und seinen Erben.
Interessant finde ich auch, dass es beim Neudruck der MiNr. 9 zwei verschiedene Papiere gibt. Bei einer angeblich so geringen Auflage schon auffallend.


Viele Grüße

Lubecensis
09.03.14, 23:12:33

stampsteddy

(Mitglied)

Hallo Lubecensis,

von der 9 ND x-Papier wurde 2008 in der 334. Köhler-Auktion ein 38er-Bogenteil angeboten. Ein Schelm, wer böses denkt.

Die anderen Angebote, die 1872er-Neudrucke betreffend, werde ich recherchieren müßen, da ich augenscheinlich den entspr. Auktionskatalog nicht mehr habe oder im Moment nicht finde.

MfG
Markus
09.03.14, 23:24:00
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